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Fragen bzgl. Urheber-/Nutzungsrecht

Verfasst: 28.11.2010 17:29
von b29ouFXe
Moin,

Die WCG-Resultate sind ja urheberrechtlich nicht geschützt: "As part of our commitment to advancing human welfare, all results will be in the public domain and made public to the global research community".

Wie sieht es eigentlich bei RNA World bzgl. Urheberrecht/Nutzungsrecht aus?

In DE ist es ja - soweit ich weiß (bin absoluter Laie) - nicht möglich auf sein Urheberrecht zu verzichten, sondern man kann lediglich einem anderen Nutzungsrechte einräumen.

Und welchen Unterschied macht es eigentlich bei Forschungsergebnissen ob auf das Urheberrecht (weitesgehend) verzichtet worden ist bzw. weitläufige Nutzungsrechte eingeräumt wurden oder eben nicht?

Bsp: http://dx.doi.org/10.1128/AAC.00515-10 - Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums München haben ein Zelltestsystem entwickelt, mit dem sich einfach und zuverlässig neue Substanzen identifizieren lassen, die die Vermehrung von HI-Viren hemmen.

In der Publikation sind 10 Personen genannt, wie teilt sich das Urheberrecht/Nutzungsrecht auf (haben alle die gleichen Rechte?) oder um zum Thema zurück zu kommen, wenn der Urheber nicht auf seine Rechte verzichtet, kann er dann z.B. interessierten Personen (ob juristisch oder natürlich) untersagen sein Zelltestsystem anzuwenden/weiterzuentwickeln?

Und noch eine Frage: Was ist derzeit die gängige Praxis? Wird so weit wie möglich auf sein Recht verzichtet?

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie das Urheberrecht die (Weiter-)Entwicklungen bzw. die An-/Verwendung von Forschungsergebnissen beeinflusst.
Ich hoffe ihr konntet meinen diffusen Gedankengängen folgen :blush:

Re: Fragen bzgl. Urheber-/Nutzungsrecht

Verfasst: 04.12.2010 17:13
von b29ouFXe
Weiß keiner Bescheid?

Re: Fragen bzgl. Urheber-/Nutzungsrecht

Verfasst: 04.12.2010 21:26
von Michael H.W. Weber
Oh, die Anfrage habe ich fast übersehen. Also die genauen Details und Rechtshintergründe kann ich Dir mangels Detailwissen leider nicht liefern. Aber vielleicht eine persönliche Einschätzung zu diesem Thema. Ich halte im Wissenschaftsbetrieb rein gar nichts von Urheberrechten, Patenten und dergleichen, und zwar deshalb, weil in diesem Bereich primär öffentliche Förderung als Grundlage dient und ich es nicht nachvollziehen kann, wie man auf die Idee kommen könnte, sich persönlich auf Basis öffentlicher Fördergelder zu bereichern. Was dort an Profiten erwirtschaftet werden könnte, sollte an die Gesellschaft zurückfliessen. Das ist meine Meinung. Wer im Leben unterwegs ist, um primär Geld zu verdienen, möge sich bitte einen anderen Tätigkeitsbereich suchen. Wir hatten schon den Fall Venter, der sich wohl am Liebsten das gesamte menschliche Genom hätte patentieren lassen (wie man auf eine dermaßen abstruse Idee kommen kann, wird sich mir Zeit meines Lebens nicht erschließen), bis ihm die Öffentlichkeit gründlich "den Stecker gezogen" hat.

Ich möchte sogar einen Schritt weiter gehen. Ich mache mir Sorgen, dass auf Grund bestehender Rechtsvorschriften zum Thema "intellecutal property" täglich Menschen umkommen. Und zwar deshalb, weil ich befürchte, dass es Medikamente zur Behebung oder wenigstens Linderung verschiedener Krankheiten längst gäbe, wenn nicht gewisse Gesetzesgrundlagen für z.B. das "hemmungslose Herumpatentieren" existierten. Ich empfinde es auch als gravierende Fehlentwicklung, die Medikamenteentwicklung privaten Firmen zu überlassen, die primär nach Gewinnen streben.

Ich will das Problem, so wie es sich mir darstellt, an einem (glücklicherweise) harmlosen Beispiel aus der täglichen Praxis illustrieren und damit zeigen, wie ich zu meiner Einstellung komme. Es ist leider keine Ausnahme. Vor einigen Jahren habe ich mich mit dem Thema beschäftigt, Proteine in lebenden Zellen visualisieren zu können. Dazu bedient man sich eines speziellen Mikroskops und verändert den zu untersuchenden Organismus genetisch so, dass das Protein von Interesse als Fusion mit dem grün fluoreszierenden Protein (= GFP) produziert wird. Bedeutet: Dort wo "mein" Protein in der Zelle ist, kann ich im Fluoreszenzmikroskop nun einen kleinen grünen Fleck sehen. Nun sind in den letzten Jahren eine vielzahl andersfarbiger Fluoreszenzproteine entdeckt und auch künstlich hergestellt worden. Eines davon, war für mich interessant. Ich wollte schauen, ob zwei verschiedene Proteine miteinander in der Zelle einen Komplex bilden und wollte dazu das eine an ein gelbes und das andere an ein blaues Fluoreszenzprotein (= BFP) fusionieren und dann gucken, ob die beiden Farben sich in der Zelle örtlich überlagern. Also schrieb ich dem Autor der Veröffentlichung, in dem das BFP beschrieben wurde, einen Brief und bat um die DNA, die dieses Protein kodierte. Ich erhielt darauf vom Los Alamos Laboratory/USA ein Schreiben, wo mir mitgeteilt wurde, dass dies leider nicht möglich sei. Grund: Es sei gerade das Patentierungsverfahren im Gange, das könne sich hinziehen. Sobald dieses dann aber abgeschlossen sei - und man ginge selbstverständlich davon aus, dass dies erfolgreich abgeschlossen werden würde - könne ich ja die Lizenz für den Einsatz dieses Proteins kommerziell erwerben. Ja, Danke! Natürlich habe ich nichts erworben. Wovon denn auch? Und im übrigen habe ich auch keine Zeit, Monate oder Jahre auf den Abschluss eines Patentantrags zu warten. Unterm Strich passierte also folgendes: Ein Forschungsprojekt mußte gestrichen werden, weil Patentierungsverfahren diese Forschung inakzeptabel verzögert und zudem finanziell unmöglich gemacht hatten.

Dies ist nun ein, wie ich schrieb, "harmloses" Beispiel. Außer mir tat es niemandem weh, dass man diese Forschung nun nicht durchführen konnte. Es hätte vermutlich wichtige Erkenntnisse in meinem Forschungsbereich ermöglicht, aber mehr auch nicht. Diese Erkenntnisse hätten vermutlich auch in vielen anderen Bereichen Interesse geweckt und zu neuen Ideen geführt, denen man hätte nachgehen können, um weiteres Wissen zu erlangen. Mehr aber auch nicht. Wie aber sieht es aus in einem Fall, wo es um ein Medikament ginge? Um die Aufklärung eines Krankheitsmechanismus? Da wäre die Forschung dann aus denselben Gründen eingestellt worden. Und ich vermute deshalb: Patentierungen halten in erster Linie mal wissenschaftlichen Fortschritt in unakzeptabler Weise auf, um letztlich Einzelpersonen Profite zu verschaffen. Und wenn das so ist, sollte dieses Thema aufgegriffen werden und zu neuen gesetzlichen Regelwerken führen.

Nun zu RNA World. Nachdem meine Einstellung zum Thema "intellectual property" im Wissenschaftsbereich oben wohl deutlich geworden ist, dürfte auch klar sein, dass ich als Leiter des RNA World Projekts nicht beabsichtige, irgendwen von der Nutzung unserer potentiellen Entdeckungen auszuschließen. Nichts von dem, was hier an Wissen aus den Ergebnissen erzeugt wird, kann von irgendwem als eigenes, ausschließliches Eigentum angesehen werden. Diese Dinge (und die daraus abgeleiteten Entwicklungen) gehören allen und sollen allen dienen, in welcher Weise auch immer. Und ich würde mir wünschen, andere würden das ähnlich sehen. Dann kämen wir als Gesellschaft und Menschheit wohl schneller voran.

Michael.

P.S.: Ich möchte nicht versäumen, darauf hinzuweisen, dass es für mich einen großen Unterschied gibt in Bezug auf "Urherberrecht und dessen Vermarktung" zwischen dem klassichen Universitätsforscher (Landesangestellter, also voll auf öffentlicher Förderung) und z.B. dem Journalisten oder Buchautor, der sein Einkommen nur bestreiten kann, solange seine Urheberrechte gewahrt werden. Genau diese Differenzierung deutet eben auch an, wie komplex dieses Thema ist. Ich erkenne auch durchaus das Problem von Firmen, die das von mir etwas provokativ als "Patentierungswahn" titulierte Verhalten damit rechtfertigen, ihre Investitionskosten wieder reinholen zu müssen. Und es ist vermutlich auch richtig, dass es bestimmte Medikamente nicht gäbe, wenn es nicht Firmen gäbe, die sie herstellen. Nicht überall im Firmenbereich geht es um Profitinteressen. Also auch hier: Schwarz-Weiß is' nich'. :wink:

Re: Fragen bzgl. Urheber-/Nutzungsrecht

Verfasst: 04.12.2010 23:13
von b29ouFXe
Vielen, vielen Dank für deine ausführliche Antwort! :good:
Wie ich den FAQ entnehmen konnte wirst du die Ergebnisse ja auch vorzugsweise in journals publizieren die open access ermöglichen, auch dafür ein :good:

Auch wenn ich nicht weiß inwiefern bzw. ob das RNA World überhaupt betrifft, würde mich deine Einstellung zum Thema data sharing/open data interessieren.
(zum Thema data sharing/open data: "Forscher sollen ihre Daten teilen" & "Open Access zu Daten")

Viele Grüße

Re: Fragen bzgl. Urheber-/Nutzungsrecht

Verfasst: 05.12.2010 03:15
von Michael H.W. Weber
b29ouFXe hat geschrieben:Auch wenn ich nicht weiß inwiefern bzw. ob das RNA World überhaupt betrifft...
Das betrifft RNA World wahrscheinlich sogar mehr als andere Projekte. Das Projekt generiert schon jetzt soviel Daten, dass ich mit der Auswertung neben meinem Job nicht nachkomme. Im Grunde müßten wir Leute beschäftigen, die sich systematisch darum kümmern können. Ich wünschte, wir hätten dafür das Geld.
b29ouFXe hat geschrieben:...würde mich deine Einstellung zum Thema data sharing/open data interessieren.
(zum Thema data sharing/open data: "Forscher sollen ihre Daten teilen" & "Open Access zu Daten")
Tja, das ist schnell beantwortet: Davon bin ich sehr angetan. Wenn z.B. alle bereits publizierten "deep sequencing" Daten als Rohdaten verfügbar wären, hätten wir für unsere Rechenergebnisse bereits die Laborvalidierung. So einfach ist das. :wink:
Was von unserer Seite in Arbeit ist, ist eine Ergebnisdatenbank, die auch die Rohdaten aufnehmen kann.

Michael.